Mittwoch, 13. Mai 2020

En Vogue

Wie lange der Schimmel brauchte, um das gesamte Spülbecken auszufüllen, ist mir nicht bekannt. Ich schüttete nur immer wieder das Nudel- und Kartoffelwasser, das wie Superdünger gewirkt haben musste, über das dreckige Geschirr, das inzwischen selbst aussah, als stünde es kurz davor ein Bewusstsein zu entwickeln. Eines Nachts stand ich also auf, um zu pinkeln, als mir ein strenger Geruch in die Nase stieg, der seinen Ursprung unweigerlich in der Küche haben musste. Je näher ich ihm kam, desto mehr erinnerte er mich an vergorene Milch. Ich beeilte mich so schnell wie möglich vorbei an der Küche ins Badezimmer zu kommen und hielt dabei Nase und Mund geschlossen. Eine Lösung musste her. Aber nicht jetzt, dachte ich, morgen, morgen reicht völlig. Spülen. Luft anhalten. Zurück ins Bett.
Ich war schon immer stolz auf meine Fähigkeit zu improvisieren. Ein Problem, mit dem Minimum an Möglichkeiten zu lösen, und sei es auch nur vorübergehend, lässt mich regelmäßig über mich hinauswachsen. Eingeschnappte Türen mit einem zusammengefaltetem Stück Pappe zu öffnen, weil sich mein fünfundsechzigjähriger Nachbar nachts um halb zwei aus seiner Wohnung sperrt, ist dabei einer meiner leichtesten Übungen. Für gewöhnlich befasse ich mich mit verstopften Abflüssen, der Überbrückung elektronischer Kontakte, oder der Umfunktionierung von Möbelstücken. In diesem Fall, ging es darum, unerwünschte Tätigkeiten wie Abwaschen, unter Berücksichtigung des Geruchsproblems und zugleich wünschenswertem Wachstumsrückgang besagtem Schimmel, soweit wie möglich hinauszuzögern. Ich dachte sofort an die Erste-Hilfe-Decke, die irgendwo noch rumliegen musste und striktem Düngerverbot. Dies bedeutete, den Topf mit dem kochenden Wasser, bis ins Badezimmer zu tragen und es wahlweise in die Toilette, das Waschbecken oder die Badewanne zu gießen. Die Erste-Hilfe-Decke konnte ich nicht finden, also blieb das schwerwiegendere Problem bestehen. Das nächste an was ich dachte, war die Bibel: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Gleiches mit Gleichem vergelten. Wieso eigentlich nicht? Ich hatte schon immer darauf gehofft, dass mir meine kindliche Gottesfurcht eines Tages etwas nützen würde. Die Badarmaturen standen voll von kleinen Parfümpröbchen meiner Ex-Freundin, die sie ständig aus den Modezeitschriften herausriss, aber nie kaufte. Ich glaube, sie war mehr am Klauen interessiert, als am Kauf eines neuen Duftes. Ich öffnete eines nach dem anderen und entschied mich für das am stärksten duftende und tröpfelte es auf verschiedene Stellen über das Geschirr, das mit leisen Zischgeräuschen antwortete. Zumindest bildete ich mir das ein. Vorsichtig hielt ich meine Nase darüber, fächerte mir respektvoll etwas Luft zu und atmete in kleinen Portionen. Man kann es sich ungefähr so vorstellen, als wolle man den Gestank eines drei Tage alten Kadavers mit einem Wunderbaum neutralisieren. Ein Teil des Erbrochenen konnte ich mit meinen Händen auf dem Weg zur Toilette auffangen. Aber so schnell gab ich nicht auf. Vielleicht brauchte ich einfach einen ganzen Wald voller Wunderbäume. Ich machte mich sauber, mischte das Parfüm aller Fläschchen, die ich finden konnte in einem alten Zahnputzbecher zusammen und kippte es mit einer Handbewegung in Richtung Kadaver. Ich rannte zurück ins Schlafzimmer, um mir ein T-Shirt vors Gesicht zu binden und erinnerte mich an den alten Bettbezug aus meiner Kindheit, auf dem alle vier Turtles in wilden Kung-Fu-Posen abgebildet waren. Die Perfekte Abdeckung.
Zwei Wochen später hatte sich der Schimmel tatsächlich, bis auf wenige Stellen zurückgezogen und es gelang mir mit Hilfe geeigneter Schutzausrüstung die Gläser, Teller und Töpfe in das heiße Wasser der Badewanne zu manövrieren, ohne dem Risiko einer Kontamination ausgesetzt zu sein. Wenn ich mir also das nächste Mal eine Zeitung kaufe, werde ich mich sicherheitshalber ausreichend über die neusten Trends der Modebranche informieren. Es lohnt sich immer zu wissen, was gerade en vogue ist.

Montag, 4. Mai 2020

Allzeit bereit!

Abgesehen von der nächtlichen Tyrannei von der Irren aus dem Vierten, hat sich jetzt auch noch ein unsichtbarer Mann dazugesellt, der jeden Morgen zu derselben Zeit dreimal niest und sich danach die Nase putzt, als bliese jemand zum ersten Mal in eine Trompete. Ich wohne jetzt seit zehn Jahren hier und wurde selbst schon für tot gehalten, habe eine Frau vor ihrem Arschlochfreund gerettet, der sie nachts über die Straße prügelte, mein Fenster wurde mit Eiern beworfen, ständig roch es aus unerklärlichen Gründen nach Gras und ich weiß nicht mehr wie oft die Polizei, Feuerwehr und oder Krankenwagen hier waren. Alles in Allem ein recht ruhiges Viertel. Doch dieser Typ, der sich jetzt einbildet, er müsse ständig unter meinem Fenster niesen, geht wirklich zu weit. Ich habe ihn noch nie gesehen, immer nur gehört, aber morgen früh werde ich meine alte Trompete aus dem Keller holen, und ich werde bereit sein.

Achim

Zumindest geht es der Fruchtfliege gut. Eine von ihnen sperrte ich gestern Nacht zusammen mit einer kleinen Spinne, die mich freundlich um Aufmerksamkeit bat, indem sie mir über mein Gesicht lief, während ich vor vier Uhr morgens versucht habe einzuschlafen, in ein Glas. Doch alles was sie tat, war panisch in die andere Hälfte des Glases zu flüchten, nachdem sie von der Fliege sanft mit den Flügeln berührt wurde. Daraufhin befand ich es doch als keine gute Idee, weiterhin Gott  zu spielen und nahm Achim, irgendwie erinnerte mich die Spinne sofort an Achim aus der Grundschule, der es überhaupt nicht leiden konnte, wenn ihn irgendjemand oder irgendetwas berührte und zur Verteidigung vom einen Ende des Zimmers in das andere und wieder zurück rannte, in Einzelhaft. Ich dachte mir: ok, Achim, Brudi, es ist…äh, auf jeden Fall viel zu spät, und ich hab jetzt nicht die Nerven, dich an einem geeigneten Ort in die Freiheit zu entlassen. Achim hätte es hier gut gehabt. Dank dem vielen Leergut, ist die Bar für Fruchtfliegen vierundzwanzig Stunden geöffnet, und die ein oder andere wäre ihm sicher ins Netz gegangen. Naja, kann man nichts machen. Seit heute Morgen ist Achim wieder in Freiheit. Ich wünsche ihm alles Gute und hoffe, dass er seine Aphephosmophobie, mit geeigneter Therapie, in den Griff bekommen wird.

Ich wache auf.

Der Barkeeper fragt mich, ob ich die Zwei da hinten kenne. Sie sitzen am Ende des Tresens, der geschätzt über zehn Meter lang sein muss. Ich antworte: "Nein", und er holt eine Flasche mit gelber Flüssigkeit hervor. Ich denke an Pfirsichsaft und er sagt: "Selbstgemacht!", als wolle er mich warnen. Er schenkt ein. Einen für mich, einen für ihn, und dann nochmal, und dann... Dann spielt er Rio Reisers "Ich bin müde". Die Zwei da hinten beginnen zu tanzen. Er schenkt noch einen ein. Einen für mich, einen für ihn und ich sage: "Alles Schutt und Asche, alles Rauch und Staub.
Alles Trick und Masche, alles welkes Laub. Ich bin müde!". Ich wache auf

Versprochen!

Ich träume von Matthias Schweighöfer und Til Schweiger, der sich in einer Fernsehshow total lässig eine Zigarette in den Mund schnippt, aber sie am Filter anzündet und dann ganz cool so tut, als wäre das Absicht gewesen, den Filter abbeißt und wie ein Cowboy raucht. Ich träume auch davon Al Capone-Zigaretten mit Filter zu kaufen und der Kassierer sagt: "Eine Einheit, bitte.", die ich ihm natürlich in Form einer undefinierbaren Paste auf die Hand schmiere. Außerdem träume ich von einem Drachen, der immer nur dann auftaucht, wenn ich meinen Briefkasten öffnen möchte. Ich weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat, und ich will es auch nicht wissen. Das Einzige, was ich will, ist nicht mehr von Matthias Schweighöfer und Til Schweiger zu träumen. Dafür kämpfe ich auch mit dem Drachen, versprochen!

Hör auf jetzt!

"Booha, ey...ich halts nicht aus! Dieser Zustand, diese Quarantäne, das macht mich alles so...so fertig, verstehst du?

"..."

"Den ganzen Tag herumliegen...schrecklich, das könnte ich nicht. Ich werd ja jetzt schon ganz verrückt. Wie hältst du das bloß aus?"

"Ich habe hart trainiert.

"Trainie....was?"

"Jeden Tag!"

"Was hast du trainiert? Du siehst aus, als würde dir beim nächsten Atemzug ein Arm abfallen."

"Liegen, ich habe das Liegen trainiert. Täglich, zehn Stunden, schlafen zählt nicht."

"Was??"

"Ja, es ist gar nicht so einfach, wie es vielleicht für einen Laien wie dich, aussehen mag. Besonders schwierig sind die Drehmomente."

"Was redest du denn da...?"

"Sobald du merkst, dass eine Seite anfängt wehzutun, musst du dich in immer gleicher Geschwindigkeit umdrehen, da sonst die Möglichkeit einer, im Profiliegen nur allzu bekannten, Überdrehung besteht. Das passiert zum Beispiel, wenn du plötzlich und ruckartig die Seiten wechseln musst, weil du dich zu lange auf einen bestimmten Fleck an der Decke konzentriert hast und dabei vergessen hast, die vorgeschriebene Maximalliegezeit pro Seite einzuhalten. Siehst du diese Narbe in meinem Gesicht?"

"Ähh, nein."

"Das passiert, wenn du denkst, du kannst dich über die Regeln des Liegens hinwegsetzen. Wenn du denkst, du bist etwas Besonderes, nur, weil du es ein paar Mal geschafft hast zwei- drei Tage länger zu liegen, als andere.

"Du hast doch völlig den...also, du spinnst ja total."

"Du verstehst das nicht. Das ist schon lange kein Spass mehr. Sicher, die Kids von heute denken, sie können so lange liegen, wie sie wollen. Aber es hat erst kürzlich Fälle gegeben, bei denen zwei nie wieder aufgestanden sind."

"Hör auf jetzt!"

"Eine junge Frau, 24 und ein junger Mann, 26. Beide hatten sich völlig dem Liegen verschrieben, ohne auf den Drehmoment zu achten und sind qualvoll verhungert.

"Weißt du, ich wollte mich einfach nur kurz unterhalten, mich ein wenig abreagieren, aber du, du hast ja völlig einen an der Waffel, weißt du das?

"Moment!"

"WAS?"

"Ich muss mich umdrehen!"

"___"

"Hallo? Hallo, bist du noch dran? Das hättest du sehen müssen, die beste Drehung seit langem, hallo?"

This is the End, my only Friend, the End.

Habe geträumt, ich würde angeniest und konnte den feinen Niesstaub, der sich nach und nach wie ein Meteoritenschauer auf meinem Gesicht niederschlug, spüren, wie er sich langsam in die Poren meiner Haut ätzt und stürzte panisch in Richtung Waschbecken, um mich zu desinfizieren. Aber es  war schon zu spät und ein riesiger Tentakel wuchs unaufhörlich aus meinem linken Nasenloch, und überzog meinen gesamten Körper mit glibbrigem Schleim. Es war schrecklich. So beginnt es also, am ersten Freitag den 13. im Jahre des Herrn 2020. Dunkle Wolken warnen donnernd am Horizont und grollen allem und jedem. Sie überziehen die Welt mit zäher Finsternis und stürzen sie in ewige Dunkelheit. Nichts kann uns jetzt mehr retten. Die großen Weltreligionen schieben sich wie immer gegenseitig die Schuld zu, während sich die Menschen in oktopusähnliche Kreaturen verwandeln und überall hochansteckendes Sekret hinterlassen. This is the End, my only Friend, the End.

Sechsmal in Folge

Anscheinend sind Eier in der Krise ein Lebensmittel, welches man nicht nur als köstliche Rühreier, Eier im Glas, mit Kaviar oder klassisch weichgekocht zu verzehren vermag, nein, auch im Rahmen der Zweckentfremdung  als Ausdruck des Protests in Form eines Wurfgeschosses, eignen sie sich hervorragend dafür seiner Wut auf unbeliebte Personen freien Lauf zu lassen. Wenn ich also auf meiner Matratze sitze und mich mit meinem besten Freund unterhalte ( Bussi by the Way♡ 😃), und zwei dumpfe Aufschläge an Hauswand und Jalousie vernehme, denke ich niemals daran, dass mich jemand nicht mögen könnte. Mich, der jeder kleinen Hausspinne kostenlos die teuersten Ecken und Winkel der Wohnung zu Verfügung stellt und mit einem ausgezeichneten Angebot an Fruchtfliegen, aus eigener Zucht, welche sämtliche Zucht- und Hygienestandarts erfüllt und bei den alljährlichen Fruchtfliegenzüchterweltmeisterschaften schon sechsmal in Folge den ersten Preis gewinnen konnte, aufwarten kann. Ich bin seit Jahren strenggläubiger Pazifist und schreibe zur Entspannung romantische Wald- und Wiesengedichte oder fahre an den Wochenenden in den Wald, um ein paar Bäume zu streicheln und den Eichhörnchen zuzusehen. Doch zu meinem außerordentlichen Bedauern, gibt es Menschen, die da etwas dagegen haben und, als Opfer ihres eigenen Hasses, verlernt haben zu lieben und zu tolerieren. Ich möchte euch sagen, dass ich euch verzeihe und, dass ich euch liebe. Tretet aus dem dunklen Schatten der eure Einsamkeit wirft und tanzt mit mir im Licht und in der Wärme der aufgehenden Sonne. Versammelt euch mit mir unter dem Himmelszelt und habt Teil an der Schönheit des Erlebens und des Fühlens, eins mit dem Universum und seinem Dasein zu sein. Friede sei mit euch, die ihr seid die Söhne und Töchter der Liebe auf ewig. 🕊☮☯

Irren ist....

Ich erinnere mich, als ich eines Novembermorgens die Jalousie nach oben zog, das Fenster öffnete und alles, was ich sah, unter funkelndem Weiß begraben lag. Das schwache orangefarbene Licht der Straßenbeleuchtung, ließ es aussehen, als wäre man auf einem fremden Planeten und jeden Tag gäbe es etwas Neues zu entdecken. Man musste sich nur warm genug anziehen und die Schnürsenkel festziehen und war für jedes Abenteuer gewappnet. Und ich erinnere mich, als ich sagte, dass ich heute nichts trinken würde und auf eine Feier eingeladen wurde und trotzdem drei Bier trank und, als wir das Haus verließen, um in einen Club zu gehen, ich über einen kleinen Zaun sprang, weil ich pinkeln musste, von dem ich dachte, dass er einen Weg zu einem angrenzenden Haus markierte und zwei Meter abwärts in einen Bach fiel. Ich habe mich in meinem Leben schon oft geirrt.

So, wie wir alle

Jetzt fällt mir die Asche von der Zigarette auf´s Bett und noch vor einer Woche, stülpte ich mir einen gelben Sack über den Kopf und zog das Panzer-Tape viermal fest um meinen Hals. Ich schrieb sogar einen kleinen Zettel und warf ihn vor mich auf den Boden, ehe ich das Glas austrank und noch einen letzten  Zug von der Zigarette nahm. Von der Idee meinen Frieden zu machen war ich meilenweit entfernt. Und jetzt, sitze ich hier und tippe diese Worte, mit einer Zigarette im Mund und einem Glas Wein neben mir und meine Füße sind dreckig, weil der Boden dreckig ist und ich trage das letzte saubere Hemd, das ich habe, während ein Stockwerk höher,  die Nachbarin versucht, mit lauten, dumpfen Schlägen gegen den Boden, ihre Dämonen in den Griff zu kriegen. So, wie wir alle.

Sie ist weg

Vermutlich hatte sie Recht, aber ich war betrunken und liebte sie. Ich hätte es ihr ins Gesicht sagen sollen, einen Brief schreiben und Blumen schicken, einen Raben, oder zumindest eine Brieftaube, weiß der Geier, doch ich entschied mich für die modernste und zugleich unromantischste Art und schrieb ihr per Chat. Nachts. Klassisch. Ich schrieb: „Ich liebe dich.“, und das tue ich noch immer. Keine Antwort. Nichts. Ich dachte, okay, wenn sie sich nicht meldet, hat sie vermutlich keine Lust und ich beließ es dabei. Es gibt genügend Arschlöcher da draußen, soll sie sich doch ein anderes suchen. Zugegeben, ich bin etwas außer Form. Jemandem zu sagen, dass man ihn liebt, bedarf einer gewissen Ernsthaftigkeit, und die Götter wissen wie schwer mir es fällt diesen Satz zu sagen. Ich weiß nicht, wie sie mich dazu brachte, dass ich mich in sie verliebe, wahrscheinlich war es das Chaos, das ständige Hin- und Her, die Ungewissheit, oder einfach nur ihre Atmung, die sich mit meiner synchronisierte, als ich sie in meinen Armen hielt und sie schlief und ich ihr über den Kopf streichelte. Wie dem auch sei, ich habe bekommen, was ich verdiene. Sie ist weg.

Halt!

"Halt!"

"Halt?"

"Ja, halt "

"Ähh, was soll das."

"Was haben Sie mit dem ganzen Klopapier vor? Andere müssen sich ihren Hintern auch abwischen, haben Sie verstanden?"

"Das geht Sie gar nichts an!"

"Ich seh doch, dass Sie Angst haben."

"Ich habe keine Angst."

"Sie haben Angst! Ihr Einkaufswagen ist voller Nudeln, Mehl und Kartoffeln. Ihnen fehlt doch nur noch das Klopapier, geb Sie es zu."

"Ich gebe hier gar nichts, aber ich nehme mir das Klopapier."

"Das werden Sie nicht!"

"Ach, ja? Und was wollen Sie dage...HILFEE...HILFEE...LASSEN SIE...HALLOOO...ICH, JETZT HÖREN SIE DOCH...BITTE,....BITTE NICHT...HALLOOO, ICH...ICH BRAUCHE HIL...BITTE NICHT INS GESICHT! "

"HATSCHIIIIIEEEE, HAAAAAATSCHIIIIIIIEEEEE."

Was für Vorräte?

"Hey."

"Hey, na?"

"Nene, kein Händeschütteln.

"Was?"

"CORONA!"

"Verstehe. Vielleicht hast du Recht."

"Und, wo sind deine Vorräte"

"Was für Vorräte?"

"Deine Vorräte für die Krise natürlich!"

"Ich habe Leitungswasser, drei Scheiben Vollkornbrot und eine viertel Packung Gummibärchen."

"WAS?"

"Ich habe Leitungswasser, drei Schei..."

"Ja, das hab ich schon verstanden. Bist du bescheuert?"

"Hör mal, ich habe sowieso nichts. Meine Klamotten trage ich am Körper und Essen kauf ich maximal für einen Tag. Wenn, dann bin ich sowieso einer der Ersten, die draufgehen. Was soll's."

"Du spinnst ja völlig. Also ich habe für mindestens drei Monate Essen, Hygieneartikel, Medizin, alles was man so braucht."

"Für drei Monate sagst du, mmhh, gut zu wissen."

"Wie meinst du das?"

"Ach, nichts, ich freu mich einfach für dich, dass du so gut vorbereitet bist. Da fällt mir ein, ich müsste noch in den Baumarkt."

"In den Baumarkt, wieso das denn?"

"Ich brauche noch zwei Seile, Panzer-Tape, ein paar Lappen und reißfeste Industrie-Müllsäcke."

"Wofür denn?"

"Für die Krise mein Freund, für die Krise."

"..."

Harmlos

Die Nächte beginnen meistens harmlos. Und wenn ich alleine bleibe, was oft der Fall ist, enden sie auch so. Doch manchmal braucht man eben doch ein wenig Gesellschaft, will wissen, ob es den anderen noch genauso beschissen geht wie einem selbst, oder, ob sie es inzwischen geschafft haben, ob sie tot sind, oder nur nicht mehr ans Telefon gehen. Viel zu erzählen, bis auf die üblichen Beschwerden gibt es sowieso nicht. Also ist man mehr damit beschäftigt zu trinken und sich zu wiederholen. Ich glaube, jemand hat mir mal drei Mal an einem Abend dieselbe Geschichte erzählt, nur immer etwas anders. Ein paar Details wurden weggelassen und ein paar andere hinzugedichtet. Solange wir zusammen tranken, lachte ich trotzdem bei jeder neuen Version. Es war mir egal und ich wollte ihn nicht verletzen. Dann gibt es Abende, an denen von vornherein alles schief läuft. Ein seltsames Flirren liegt in der Luft und etwas in deinem Kopf sagt dir seit zwei Stunden, dass du nach Hause gehen solltest. Doch nach der dritten und vierten Stunde, ist da nichts mehr und du bekommst genau das, was du verdienst, wenn du dich mit dem Universum anlegst.

Alleine?

Ich war also völlig alleine und  ging  vor die Tür. Ich wollte etwas erleben, wobei etwas erleben nicht ganz stimmt. Eigentlich wollte ich nur meine Ruhe, etwas trinken, Musik hören und ein wenig die Reaktionen der Leute beobachten, wenn einer an einem Freitagabend ohne Begleitung in der Kälte sitzt, trinkt und Mister Chuck Berry rauf und runter spielt. Ich nahm also meine tragbare Musikbox, steckte sie mir in die Innentasche meiner Lederjacke und besorgte mir eine Flasche Gin mit Tonic. Auf den Latten der Holzbank hatten sich bereits Eiskristalle gebildet und wenn man hinter einer Gruppe Menschen herumlief, sah es aus, als würde man einer alten Dampflock folgen. Ich stellte die Musik an und begann zu trinken. Wenn ich alleine trinke, trinke ich sowieso immer etwas schneller, aber mit Musik kippte ich einen Becher nach dem anderen. Nach dem fünften oder sechsten Becher stand ich auf und fing an mich zur Musik zu bewegen. Ich ließ meine Hüften kreisen und versuchte so cool wie möglich zu wirken. Ich musste großartig dabei ausgesehen haben. Ein 1,93m großer und 210Pfund schwerer Kerl, In schwarzer Lederjacke, schwarzer Jeans, schwarzem Hemd und schwarzen Schuhen, tanzt mutterseelenalleine unter dem Licht einer einsamen Laterne zu Chuck Berry. Einige der Passanten, insbesondere die älteren Jahrgangs, lächelten und winkten mir zu, während andere mit dem Finger auf mich zeigten. Aber das war mir egal. Bald würde mein dritter Gedichtband erscheinen und ich hatte Gin und ich hatte Berry. Was konnte mir schon passieren?!

Zeugs

Das Zeugs war nicht besonders gut und brannte derartig stark, dass ich niesen musste und die Hälfte erneut auf dem Boden landete. Einige halten das Brennen für ein Qualitätskriterium, aber das ist völliger Blödsinn. Ich kannte mal zwei Vollidioten, die sich weißen Schnupftabak durch die Nase zogen, nur damit es in ihren Nasenlöchern brannte. Jedenfalls, kippte Bolle den gesamten Stoff, und ich frage mich bis heute wieso er das tat, den wir vorher zufällig von einem Typen kauften der uns ansprach, auf das Display meines Handys und fing an die ersten Linien zurechtzulegen. Wir waren inzwischen bei der dritten Flasche Gin, als er vorschlug in das oberste Deck eines Parkhauses zu gehen. Das Pulver lag also in einem Haufen und mehreren Linien bereit, die Zigaretten waren gedreht und die Becher voll, als mich Tina anrief und das Telefon zu vibrieren begann. Ich schaffte es mit dem kleinen Finger den Anruf wegzudrücken ohne, dass ich die zum Verzehr  fertig aufgeteilten Linien verwischte. Das Problem war nur, dass Tina sich nicht damit abfand weggedrückt zu werden, oder auf die Idee kam Bolle anzurufen, weshalb er irgendwann ziemlich sauer wurde. Bolle hatte meistens die Kapuze oben und ich überlege noch immer was ihn dazu brachte zu glauben, er könne das Telefon in einem Winkel an sein Ohr halten, ohne, dass das gesamte Pulver auf den Boden fallen würde. Ich leckte an dem Rand seiner Kapuze, während er den Rest von seiner Jeans klopfte und anfing auf dem rissigen Beton zu retten was übrig geblieben war. Es war einfach Freitag und wir wussten nicht was wir tun sollten. 

Diese Handlung ist frei erfunden und beruht nicht auf Tatsachen. Jegliche Ähnlichkeit zu real existierenden Personen ist rein zufällig.

Ravioli Picanti

Da stand ich also mit Rucksack, offenem Hawai-Hemd und einem 80er-Jahre-Handy an der Kasse, legte Kloßteig und Fanta aufs Band und telefonierte mit irgendjemandem, den ich nicht kannte. Ich zog mein Tennis-Schweißband zurecht und fühlte mich geiler als Madonna, wenn sie "When you call my Name" (keine Ursache, der Ohrwurm geht auf's Haus) singt. Plötzlich fragte mich die Kassiererin, was ich im Rucksack habe, woraufhin ich mit "nichts" antwortete und ihn öffnete. Doch auf einmal befanden sich jede Menge Packungen Kinderschokolade, Schokobons und Hanuta darin. Eine riesige Hand landete unsanft auf meiner Schulter und ein Bär, der aussah wie ein Mann, wollte meine Personalien aufnehmen. Ich sagte ihm, dass ich meinen Ausweis nicht dabei habe und nannte ihm einen falschen Namen. Er ließ mich gehen und ich durfte die gesamte Schokolade behalten. Als ich gegenüber in einem Diner saß und Marty McFly zu Tür hereinkam, wollte ich ihm meine Beute zeigen, aber der Rucksack war leer. Ich sollte vielleicht nach 21 Uhr keine Dosenravioli Picanti mehr essen. Ich weiß auch nicht.

Love is all you need♡

Nicht nur, dass es Freitag ist, dass auch ich das Ende der Woche als solches wahrnehme, als hätte ich etwas Wertvolles, etwas Wichtiges, aber zumindest etwas zu Erhaltung der Gesellschaft beigetragen und ebenfalls Anspruch auf Urlaub und Erholung, obwohl ich in Wirklichkeit eigentlich nichts getan habe, außer am Leben zu bleiben, nein, es ist auch noch Valentinstag. Der Tag im Jahr, an dem sich das Aufkommen, der mich ohnehin schon störenden, naiv liebestrunkenen Paare, die sich ihre Liebessschwüre in den Gehörgang sabbern, noch auf ein Vielfaches erhöht. Liebe, Liebe ist nur etwas für Anfänger, die es nicht schaffen jeden Morgen den Gestank der Person zu ertragen, neben der sie aufwachen. Während ich mir meines eskapistischen Daseins völlig bewusst bin und mich ärgere, dass der Rotwein schon wieder leer ist, sehnen sich andere regelrecht nach Nähe und Zuneigung. Wenn ich also später in meinen Lieblingsnetto gehe, um weiter existieren zu können, werde ich versuchen all das zu ignorieren, um das sowieso schon niedrige Risiko mich zufällig zu verlieben, nicht auf das Level des Möglichen ansteigen zu lassen.

Wenn es doch nur so einfach wäre

"Ja, hallo, guten Tag."

"Hallo."

"Ich bin ihr Nachbar von unten, wissen Sie noch?"

"Äh, nein."

"Ja, das habe ich mir gedacht. Aber das ist gar kein Problem, deswegen bin ich ja hier, wissen Sie, um ihrem Gedächtnis ein wenig...wie sagt man so schön...?"

"Was?"

"Naja, jedenfalls würde ich mich sehr gerne ein wenig mit Ihnen unterhalten. Wenn Sie vielleicht ein bis zwei Minütchen hätten, ja? Das wäre großartig. So darf ich denn eintreten in ihr bescheidenes Haus?"

"EY, SANDY...ICH HAB GESAGT DU SOLLST DIESES SCHEISS LIED NICHT MEHR SPIELEN! ICH HASSE DAS. Ja...wenns sein muss, aber schnell."

"Vielen lieben Dank!"

"SANDYYY...MACH DAS LIED AUS DU HURE!"

"Ich vermute, Sie leben hier mit ihrer Frau zusammen, das finde ich sehr schön."

"SANDY! DU KRIEGST GLEICH IN DIE FRESSE. UND WEHE DU RUFST DANN WIEDER DEINE MUTTER AN. ICH HAB DICH GEWARNT."

"Wissen Sie, ich wollte Sie nur darum bitten, vielleicht, wenigstens nachts, wenn es denn keine Umstände für Sie macht, etwas leiser zu sein. Ich bin Schriftsteller und ziemlich sensibel. Ein sensibler Künstler, verstehen Sie?

"SANDYYY...JETZT GIBT'S AUF DIE FRESSEEE."

"Ach, das muss doch jetzt wirklich nicht sein. Lassen Sie doch. Wie ich sehe haben Sie einen ziemlich großen Fernseher und eine mehr als beachtliche Stereoanlage."

"Ja, und? Was soll das jetzt hier?"

"Wie es der Zufall will, sucht ein Bekannter von mir nach genau diesem Fernseher und dieser Stereoanlage. Er ist in der Müllbranche tätig. Er beseitigt wirklich jede Art Müll, ganz still und leise. Er müsste jeden Augenblick hier sein."

"Altaa, verpiss dich jetzt mal wieder!"

"Na na, nicht so voreilig mein Freund! Es hat so eben an der Tür geschellt. Ich würde Ihnen raten sie zu öffnen."

"..."

"Ah, da ist er ja. Darf ich vorstellen, mein Bekannter. Keine Angst, er ist in Wirklichkeit noch böser als er aussieht."

"..."

"Ich  dachte mir, wenn er schon hier ist, könnte er doch gleich ein bisschen Müll entsorgen, oder?"

"..."

"Genau, ich denke wir haben uns verstanden. Und denken Sie bitte an meine sensible Künstlerseele. Ich bin emotional sehr zerbrechlich. Auf Wiedersehen!"