Mittwoch, 13. Mai 2020

En Vogue

Wie lange der Schimmel brauchte, um das gesamte Spülbecken auszufüllen, ist mir nicht bekannt. Ich schüttete nur immer wieder das Nudel- und Kartoffelwasser, das wie Superdünger gewirkt haben musste, über das dreckige Geschirr, das inzwischen selbst aussah, als stünde es kurz davor ein Bewusstsein zu entwickeln. Eines Nachts stand ich also auf, um zu pinkeln, als mir ein strenger Geruch in die Nase stieg, der seinen Ursprung unweigerlich in der Küche haben musste. Je näher ich ihm kam, desto mehr erinnerte er mich an vergorene Milch. Ich beeilte mich so schnell wie möglich vorbei an der Küche ins Badezimmer zu kommen und hielt dabei Nase und Mund geschlossen. Eine Lösung musste her. Aber nicht jetzt, dachte ich, morgen, morgen reicht völlig. Spülen. Luft anhalten. Zurück ins Bett.
Ich war schon immer stolz auf meine Fähigkeit zu improvisieren. Ein Problem, mit dem Minimum an Möglichkeiten zu lösen, und sei es auch nur vorübergehend, lässt mich regelmäßig über mich hinauswachsen. Eingeschnappte Türen mit einem zusammengefaltetem Stück Pappe zu öffnen, weil sich mein fünfundsechzigjähriger Nachbar nachts um halb zwei aus seiner Wohnung sperrt, ist dabei einer meiner leichtesten Übungen. Für gewöhnlich befasse ich mich mit verstopften Abflüssen, der Überbrückung elektronischer Kontakte, oder der Umfunktionierung von Möbelstücken. In diesem Fall, ging es darum, unerwünschte Tätigkeiten wie Abwaschen, unter Berücksichtigung des Geruchsproblems und zugleich wünschenswertem Wachstumsrückgang besagtem Schimmel, soweit wie möglich hinauszuzögern. Ich dachte sofort an die Erste-Hilfe-Decke, die irgendwo noch rumliegen musste und striktem Düngerverbot. Dies bedeutete, den Topf mit dem kochenden Wasser, bis ins Badezimmer zu tragen und es wahlweise in die Toilette, das Waschbecken oder die Badewanne zu gießen. Die Erste-Hilfe-Decke konnte ich nicht finden, also blieb das schwerwiegendere Problem bestehen. Das nächste an was ich dachte, war die Bibel: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Gleiches mit Gleichem vergelten. Wieso eigentlich nicht? Ich hatte schon immer darauf gehofft, dass mir meine kindliche Gottesfurcht eines Tages etwas nützen würde. Die Badarmaturen standen voll von kleinen Parfümpröbchen meiner Ex-Freundin, die sie ständig aus den Modezeitschriften herausriss, aber nie kaufte. Ich glaube, sie war mehr am Klauen interessiert, als am Kauf eines neuen Duftes. Ich öffnete eines nach dem anderen und entschied mich für das am stärksten duftende und tröpfelte es auf verschiedene Stellen über das Geschirr, das mit leisen Zischgeräuschen antwortete. Zumindest bildete ich mir das ein. Vorsichtig hielt ich meine Nase darüber, fächerte mir respektvoll etwas Luft zu und atmete in kleinen Portionen. Man kann es sich ungefähr so vorstellen, als wolle man den Gestank eines drei Tage alten Kadavers mit einem Wunderbaum neutralisieren. Ein Teil des Erbrochenen konnte ich mit meinen Händen auf dem Weg zur Toilette auffangen. Aber so schnell gab ich nicht auf. Vielleicht brauchte ich einfach einen ganzen Wald voller Wunderbäume. Ich machte mich sauber, mischte das Parfüm aller Fläschchen, die ich finden konnte in einem alten Zahnputzbecher zusammen und kippte es mit einer Handbewegung in Richtung Kadaver. Ich rannte zurück ins Schlafzimmer, um mir ein T-Shirt vors Gesicht zu binden und erinnerte mich an den alten Bettbezug aus meiner Kindheit, auf dem alle vier Turtles in wilden Kung-Fu-Posen abgebildet waren. Die Perfekte Abdeckung.
Zwei Wochen später hatte sich der Schimmel tatsächlich, bis auf wenige Stellen zurückgezogen und es gelang mir mit Hilfe geeigneter Schutzausrüstung die Gläser, Teller und Töpfe in das heiße Wasser der Badewanne zu manövrieren, ohne dem Risiko einer Kontamination ausgesetzt zu sein. Wenn ich mir also das nächste Mal eine Zeitung kaufe, werde ich mich sicherheitshalber ausreichend über die neusten Trends der Modebranche informieren. Es lohnt sich immer zu wissen, was gerade en vogue ist.

Montag, 4. Mai 2020

Allzeit bereit!

Abgesehen von der nächtlichen Tyrannei von der Irren aus dem Vierten, hat sich jetzt auch noch ein unsichtbarer Mann dazugesellt, der jeden Morgen zu derselben Zeit dreimal niest und sich danach die Nase putzt, als bliese jemand zum ersten Mal in eine Trompete. Ich wohne jetzt seit zehn Jahren hier und wurde selbst schon für tot gehalten, habe eine Frau vor ihrem Arschlochfreund gerettet, der sie nachts über die Straße prügelte, mein Fenster wurde mit Eiern beworfen, ständig roch es aus unerklärlichen Gründen nach Gras und ich weiß nicht mehr wie oft die Polizei, Feuerwehr und oder Krankenwagen hier waren. Alles in Allem ein recht ruhiges Viertel. Doch dieser Typ, der sich jetzt einbildet, er müsse ständig unter meinem Fenster niesen, geht wirklich zu weit. Ich habe ihn noch nie gesehen, immer nur gehört, aber morgen früh werde ich meine alte Trompete aus dem Keller holen, und ich werde bereit sein.

Achim

Zumindest geht es der Fruchtfliege gut. Eine von ihnen sperrte ich gestern Nacht zusammen mit einer kleinen Spinne, die mich freundlich um Aufmerksamkeit bat, indem sie mir über mein Gesicht lief, während ich vor vier Uhr morgens versucht habe einzuschlafen, in ein Glas. Doch alles was sie tat, war panisch in die andere Hälfte des Glases zu flüchten, nachdem sie von der Fliege sanft mit den Flügeln berührt wurde. Daraufhin befand ich es doch als keine gute Idee, weiterhin Gott  zu spielen und nahm Achim, irgendwie erinnerte mich die Spinne sofort an Achim aus der Grundschule, der es überhaupt nicht leiden konnte, wenn ihn irgendjemand oder irgendetwas berührte und zur Verteidigung vom einen Ende des Zimmers in das andere und wieder zurück rannte, in Einzelhaft. Ich dachte mir: ok, Achim, Brudi, es ist…äh, auf jeden Fall viel zu spät, und ich hab jetzt nicht die Nerven, dich an einem geeigneten Ort in die Freiheit zu entlassen. Achim hätte es hier gut gehabt. Dank dem vielen Leergut, ist die Bar für Fruchtfliegen vierundzwanzig Stunden geöffnet, und die ein oder andere wäre ihm sicher ins Netz gegangen. Naja, kann man nichts machen. Seit heute Morgen ist Achim wieder in Freiheit. Ich wünsche ihm alles Gute und hoffe, dass er seine Aphephosmophobie, mit geeigneter Therapie, in den Griff bekommen wird.

Ich wache auf.

Der Barkeeper fragt mich, ob ich die Zwei da hinten kenne. Sie sitzen am Ende des Tresens, der geschätzt über zehn Meter lang sein muss. Ich antworte: "Nein", und er holt eine Flasche mit gelber Flüssigkeit hervor. Ich denke an Pfirsichsaft und er sagt: "Selbstgemacht!", als wolle er mich warnen. Er schenkt ein. Einen für mich, einen für ihn, und dann nochmal, und dann... Dann spielt er Rio Reisers "Ich bin müde". Die Zwei da hinten beginnen zu tanzen. Er schenkt noch einen ein. Einen für mich, einen für ihn und ich sage: "Alles Schutt und Asche, alles Rauch und Staub.
Alles Trick und Masche, alles welkes Laub. Ich bin müde!". Ich wache auf

Versprochen!

Ich träume von Matthias Schweighöfer und Til Schweiger, der sich in einer Fernsehshow total lässig eine Zigarette in den Mund schnippt, aber sie am Filter anzündet und dann ganz cool so tut, als wäre das Absicht gewesen, den Filter abbeißt und wie ein Cowboy raucht. Ich träume auch davon Al Capone-Zigaretten mit Filter zu kaufen und der Kassierer sagt: "Eine Einheit, bitte.", die ich ihm natürlich in Form einer undefinierbaren Paste auf die Hand schmiere. Außerdem träume ich von einem Drachen, der immer nur dann auftaucht, wenn ich meinen Briefkasten öffnen möchte. Ich weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat, und ich will es auch nicht wissen. Das Einzige, was ich will, ist nicht mehr von Matthias Schweighöfer und Til Schweiger zu träumen. Dafür kämpfe ich auch mit dem Drachen, versprochen!

Hör auf jetzt!

"Booha, ey...ich halts nicht aus! Dieser Zustand, diese Quarantäne, das macht mich alles so...so fertig, verstehst du?

"..."

"Den ganzen Tag herumliegen...schrecklich, das könnte ich nicht. Ich werd ja jetzt schon ganz verrückt. Wie hältst du das bloß aus?"

"Ich habe hart trainiert.

"Trainie....was?"

"Jeden Tag!"

"Was hast du trainiert? Du siehst aus, als würde dir beim nächsten Atemzug ein Arm abfallen."

"Liegen, ich habe das Liegen trainiert. Täglich, zehn Stunden, schlafen zählt nicht."

"Was??"

"Ja, es ist gar nicht so einfach, wie es vielleicht für einen Laien wie dich, aussehen mag. Besonders schwierig sind die Drehmomente."

"Was redest du denn da...?"

"Sobald du merkst, dass eine Seite anfängt wehzutun, musst du dich in immer gleicher Geschwindigkeit umdrehen, da sonst die Möglichkeit einer, im Profiliegen nur allzu bekannten, Überdrehung besteht. Das passiert zum Beispiel, wenn du plötzlich und ruckartig die Seiten wechseln musst, weil du dich zu lange auf einen bestimmten Fleck an der Decke konzentriert hast und dabei vergessen hast, die vorgeschriebene Maximalliegezeit pro Seite einzuhalten. Siehst du diese Narbe in meinem Gesicht?"

"Ähh, nein."

"Das passiert, wenn du denkst, du kannst dich über die Regeln des Liegens hinwegsetzen. Wenn du denkst, du bist etwas Besonderes, nur, weil du es ein paar Mal geschafft hast zwei- drei Tage länger zu liegen, als andere.

"Du hast doch völlig den...also, du spinnst ja total."

"Du verstehst das nicht. Das ist schon lange kein Spass mehr. Sicher, die Kids von heute denken, sie können so lange liegen, wie sie wollen. Aber es hat erst kürzlich Fälle gegeben, bei denen zwei nie wieder aufgestanden sind."

"Hör auf jetzt!"

"Eine junge Frau, 24 und ein junger Mann, 26. Beide hatten sich völlig dem Liegen verschrieben, ohne auf den Drehmoment zu achten und sind qualvoll verhungert.

"Weißt du, ich wollte mich einfach nur kurz unterhalten, mich ein wenig abreagieren, aber du, du hast ja völlig einen an der Waffel, weißt du das?

"Moment!"

"WAS?"

"Ich muss mich umdrehen!"

"___"

"Hallo? Hallo, bist du noch dran? Das hättest du sehen müssen, die beste Drehung seit langem, hallo?"

This is the End, my only Friend, the End.

Habe geträumt, ich würde angeniest und konnte den feinen Niesstaub, der sich nach und nach wie ein Meteoritenschauer auf meinem Gesicht niederschlug, spüren, wie er sich langsam in die Poren meiner Haut ätzt und stürzte panisch in Richtung Waschbecken, um mich zu desinfizieren. Aber es  war schon zu spät und ein riesiger Tentakel wuchs unaufhörlich aus meinem linken Nasenloch, und überzog meinen gesamten Körper mit glibbrigem Schleim. Es war schrecklich. So beginnt es also, am ersten Freitag den 13. im Jahre des Herrn 2020. Dunkle Wolken warnen donnernd am Horizont und grollen allem und jedem. Sie überziehen die Welt mit zäher Finsternis und stürzen sie in ewige Dunkelheit. Nichts kann uns jetzt mehr retten. Die großen Weltreligionen schieben sich wie immer gegenseitig die Schuld zu, während sich die Menschen in oktopusähnliche Kreaturen verwandeln und überall hochansteckendes Sekret hinterlassen. This is the End, my only Friend, the End.