Montag, 23. Oktober 2023

Das ist ja schrecklich

 Auf irgendeiner WG-Feier


Ich: "Und, was machst du so?"


Er: "Ich bin Schriftsteller!"


Ich: "Ok..."


Er: "Also, eigentlich bin ich Dichter"


Ich: "Dichter?! Das ist ja...schrecklich"


Er: "Was, wieso?"


Ich: "Na, kannst du davon leben?"


Er: "Nee, das nicht, aber..."


Ich: "Aber?"


Er: "Ab und an gibt es Preisgeld, und Stipendien und sowas"


Ich: "Aha, soso..."


Er: "Ich habe aber auch einen normalen Job, is ja klar"


Ich: "Klar"


Er: "So 'n bisschen IT-Zeugs, in der Firma von meinem Bruder, der hat ein kleines StartUp gegründet. Und was machst du so?


Ich: "Ach, nichts...überleben....so dann und wann, hier und da, wunderbar...ich brauch jetzt unbedingt noch eine von diesen köstliche Frozen Magarita. Wo war noch gleich die Küche?

Donnerstag, 4. März 2021

ICH VERSTEHE?!? (Endlich ist der Leberfleck weg)

"Sie können noch nicht gehen, Ihr Blutdruck ist viel zu hoch!"


"Ich fühle mich großartig!"


"Das ist völlig irrelevant! Sie müssen noch weitere zehn Minuten dableiben. Hier, nehmen Sie das, zerkauen Sie es, behalten Sie es etwas unter der Zunge und dann spucken Sie die orangene Kapsel wieder aus."


"Zu spät!"


"Wie zu spät?!"


"Ich hab die Kapsel bereits geschluckt"


"Sie machen es mir nicht einfach."


"Entschuldigung"


(Zehn Minuten später) 


"Ihr Blutdruck ist ja noch höher als vor zehn Minuten! Fühlen Sie sich nicht wohl?"


"Ich habe Sie angelogen."


"Bitte?"


"Ich habe schreckliche Angst."


"Wovor haben Sie denn Angst?"


"Ich weiß es nicht. Ich habe Panikattacken und so'n Kram. Und diese Umgebung..."


"Ich verstehe...ja, dann bringt das hier vermutlich nichts."


"Ich glaube nicht."


"Benötigen Sie eine Krankmeldung?"


"Nein."


"Was tun Sie denn so?"


"Ich bin Dichter. Sie dürfen das jetzt gerne wiederholen, das tun alle."


"Dichter, so so....und davon kann man leben?"


"Hätten alle ein Buch gekauft, die mich das gefragt haben, könnte ich mit "Ja" antworten."


"Verstehe, also, keine Krankmeldung."


"Ja, also, nein, keine Krankmeldung."


"In einer Woche kommen Sie bitte zum Fädenziehen."


"Sehr gerne. Soll ich Ihnen vielleicht ein Buch mitbringen?"


"Das ist sehr lieb, aber..."


"Ich verstehe."


"Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."


"Ich Ihnen auch."

Donnerstag, 21. Januar 2021

Let's get it on

Das animalische Grunzen und Lustgestöhne der Nachbarn ein Stockwerk höher, welches sich anhört, als würden zwei verfeindete Affenbanden aufeinander losgehen, wird nur noch durch die Lage und das Quietschen des Bettgestells übertroffen. Beides zusammen ergibt folglich eine Kombination die, würde sie länger als fünfzehn Minuten dauern, zu dem Bedürfnis führen, entweder mit einem Schraubenzieher in der Hand erste Nachbarschaftshilfe zu leisten, oder Let's get it on von Marvin Gaye so laut aufzudrehen, bis sie das Spiel "Kannstdumichhörenkannichdichhören" verstanden haben. Vielleicht werde ich auch einfach die nächste Dokumentation über das Paarungsverhalten geschlechtsreifer Walrossbullen sooft abspielen, bis ich jeden Brunftschrei auswendig kann. Wer weiß, es ist 2021, und alles ist möglich.

Dienstag, 15. September 2020

Hurra

Wie war das noch gleich mit der Relativität? Naja, egal. Das Einzige, was mir noch schwer fällt, ist diese anerzogene Freude auf das Wochende loszuwerden. Eine Freude auf ein imaginäres Ende eines imaginären Zyklus. Der Grundpfeiler unserer durchorganisierten Gesellschaft. Hurra. Für mich beschränken sich die Tage in ihrer Bedeutung, ob der Supermarkt geöffnet hat, oder nicht. Ihre Namen sind völlig unwichtig. Sich an einem bestimmten Tag, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Uhrzeit zu treffen, ist für meine derzeitige Situation nicht nötig. Ich kenne niemanden und möchte niemanden kennenlernen. Natürlich gibt es ein bis zwei Ausnahmen, doch diese sind zumeist spontaner Natur, sodass ich, wenn ich möchte, ebenfalls spontan, mit angemessener Ablehnung reagieren kann. Wie dem auch sei. Die Tage scheinen sich in einer gleichmäßig vorüberziehenden Strömung aufzulösen. Sie verlieren ihre Festigkeit, das, was sie zu einem eigenständigen Individuum hat werden lassen. Ein Freitag zum Beispiel, könnte man durchaus als einen der stärksten Tage von allen bezeichnen, klingt in ihm doch das Wort "frei" mit. An diesem Tag befreien wir uns von den übrigen, bis uns die untergehende Sonne am Sonntag langsam suggeriert uns wieder mit dem abzufinden, was uns unweigerlich bevorsteht. Ich hingegen habe es beinahe geschafft, mich von dem Benennen der Zeit vollkommen zu lösen. Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter, und dazwischen werde ich sterben. Doch vermutlich kommt alles ganz anders. Sobald es von mir erwartet wird, werde ich wieder den Sattel der Zeit besteigen, und um sieben Uhr morgens in irgendeinem heruntergekommenen Laden stehen, und dir sagen, in welchem Gang du den  Gin findest, von dem sich zuhause die Flaschen stapeln. Hurra.

Ocean Fresh

Es fällt mir schwer mich zu entscheiden. Es gibt gelbe, rosane, grüne und blaue Schwämme. Das Angebot ist riesig. Ob ich Ocean Fresh, Citrus Clean oder Classic Shine nehme, weiß ich noch nicht. Der Duft des Spülmittels ist mir bisher nicht aufgefallen. Ich spüle selten. Ich würde gerne irgendjemandem sagen, dass ich es hasse, aber es gibt niemanden, dem ich mich anvertrauen möchte. Ich möchte nicht einmal hier sein. Dann entscheide mich doch für den blauen Schwamm und Ocean Fresh, weil ich plötzlich an das Meer denke und an einsame Dünen. Ich bin mir sicher, dass die Menschen in der Werbeagentur genau das von mir erwartet hatten. Jetzt habe ich alles was ich brauche. Das Spülmittel sieht gut neben dem dreckigen Geschirr aus. Ich drapiere den Schwamm daneben. Ich habe noch etwas Brot und Käse und lege beides auf eine alte Zeitung. Ein Krimi im ersten Programm. Wiederholung. Aber das macht nichts.

Ein extragroßes Stück

Da ich nun schon seit sechzehn Stunden im Bett lag und außer, dass ich das Radio an und wieder aus, sowie lauter und leiser gestellt, nichts getan hatte, bis auf mir zwischenzeitlich ein großes Stück Salami abzuschneiden, auf dem ich gelangweilt herumkaute, beschloss ich den Rest des Tages ebenfalls nichts zu tun. Wenn ich es geschafft hätte im Schlaf zu sterben, wäre daran nichts verwerfliches gewesen. Im Gegenteil, man hätte mir das Stück Salami aus dem Rachen entfernt und mich wie jeden anderen leblosen Gegenstand aus der Wohnung getragen. Vermutlich hätten die Angestellten der Möbelspedition bei Kaffee und Zigarette genervt auf die Uhr gesehen, weil sich der Fahrer des städtischen Bestattungsunternehmens ausgerechnet an diesem Tag für einen Umweg entschied. Dann wäre alles ganz schnell gegangen. Sobald sich der Reißverschluss des Leichensackes über meinem Gesicht zugezogen hätte, wären die kläglichen Überreste meiner Existenz in einem großen, leeren LKW verschwunden, in dem noch mindestens zehn ähnliche Leben Platz gefunden hätten. Doch dann klingelte es an der Tür. Ich stand nicht sofort auf, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich zuhause sei, sondern setzte ein Fuß nach dem anderen auf den Boden, schlich mich zur Tür, und spähte durch den Türspion. Zu meiner Erleichterung war niemand zu sehen. Etwas Wichtiges konnte es ohnehin nicht gewesen sein. Für wichtige Dinge sind andere Leute zuständig. Leute, denen es nichts ausmacht sich mit wichtigen Dingen zu beschäftigen. Auf dem Weg zurück ins Bett schnitt ich mir noch ein extragroßes Stück Salami ab, damit ich bis zum nächsten Morgen keinen Grund mehr hatte, um aufzustehen. Dann schlief ich ein.

Wir waren alle hier

Die an den Paarungsruf des Kasuaren, ein großer flugunfähiger Vogel,dessen Verbreitungsgebiet sich hauptsächlich auf die Insel Neuguinea beschränkt, erinnernde Stimme der Kassiererin, war das Erste, was mich an diesem Tag dazu veranlasste, zwischen einem Atemzug für ein paar Sekunden die Luft anzuhalten, um sie in Form eines entnervten Stöhnens wieder auszuatmen. Das Zweite, war ein älterer Herr, der seine Maske stolz zwischen Unterlippe und Nase trug, sodass sie zumindest seinem Schnurrbart den nötigen Schutz vor Ansteckung bot, und der sich vor dem Bezahlen noch einmal kräftig in die Hand hustete. Die Frau, die ohne Abstand hinter mir stand und eine von diesen dünnen Tüten, mit denen es einem freisteht loses Obst und Gemüse in schickem Plastik zu verpacken, als improvisierte Maske trug, interessierte mich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Wir waren alle hier. Gemeinsam gefangen in dem früher oder später endenen Kreislauf der modernen Nahrungsbeschaffung. Die Natur hat vermutlich den schwierigsten Job von allen, und ich befürchte, dass sie gerade viel zu viel mit sich selbst zu tun hat, als sich um den Menschen zu kümmern. Ich sehe das Projekt als gescheitert an und unterwerfe mich den Wirrungen des Lebens. Ich ging einen Schritt nach vorn, bezahlte kontaktlos und dann wieder nach Hause.